Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass sich ein Mensch in Ihrem Umfeld verändert hat – stiller geworden ist, sich zurückzieht oder ungewöhnlich angespannt wirkt? Haben Sie gezögert, es anzusprechen? Genau hier setzt die neue Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) an: Gewalt bleibt häufig unsichtbar. Bundesweit wurden 15.479 Menschen (16-85 J.) befragt. Im Ergebnis ist Gewalt weiter verbreitet, als es offizielle Statistiken vermuten lassen. Innerhalb von (Ex-)Partnerschaften haben 48,7% der Frauen und 40% der Männer mindestens einmal in ihrem Leben psychische Gewalt erlebt. Körperliche Gewalt betrifft 16,1% der Bevölkerung.
Auch bei sexualisierter Gewalt sind die Zahlen deutlich: 45,8% aller Befragten berichten von sexueller Belästigung im Laufe ihres Lebens – darunter 62,3% der Frauen. Einen sexuellen Übergriff haben 11,2% erlebt - darunter 17,8% der Frauen. Stalking betrifft 21,2% und digitale Gewalt haben in den vergangenen fünf Jahren 17,1% der Befragten erfahren.
Besonders alarmierend ist, dass die meisten dieser Taten nicht angezeigt werden und somit nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik erscheinen. Bei Partnerschaftsgewalt liegen die Anzeigequoten meist unter fünf Prozent. Da offizielle Zahlen nur einen Teil der Realität abbilden, sind Dunkelfeldstudien wichtig und tragen zu einer belastbaren Grundlage für politische Entscheidungen bei.
Gewalt findet mitten unter uns statt. Mit dem Frauenhaus im Ennepe-Ruhr-Kreis verfügen wir über einen unverzichtbaren Schutzort. Angesichts der neuen Erkenntnisse sollten wir jedoch ernsthaft prüfen, ob die vorhandenen Plätze ausreichen. Frauenhäuser sind ein zentraler Bestandteil des Gewaltschutzes. Schutzräume, Beratung und niedrigschwellige Hilfen müssen verlässlich gesichert und – wo nötig – ausgebaut werden. Sicherheit muss Vorrang haben.
Zugleich können wir alle einen Beitrag leisten. Achten Sie auf Veränderungen bei Menschen in Ihrem Umfeld und sprechen Sie behutsam an, wenn Ihnen etwas ungewöhnlich erscheint. Viele Betroffene wagen es nicht, von sich aus über Gewalt zu sprechen – oft braucht es ein offenes Ohr und eine ernst gemeinte Nachfrage.
Die Polizei kann akute Gefahren abwenden. Nachhaltiger Schutz entsteht jedoch durch das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und verlässlichen staatlichen Strukturen. Als EN-Kreis können wir Prävention stärken, Kinder besser unterstützen und Beratungsangebote niedrigschwellig zugänglich machen. Hilfe muss einfach erreichbar sein.
Die Dunkelfeldstudie ist kein Anlass zur Resignation, sondern ein klarer Auftrag zum Handeln, denn Sicherheit beginnt dort, wo wir hinschauen, nachfragen und Verantwortung übernehmen. Ihre Sarah Kramer

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